Krebs wird heilbar

Die neuen Immuntherapien

Mechthild Kässer

Eine Heilung der bislang tödlichen Krankheit Krebs rückt durch Fortschritte der modernen Molekularbiologie in den Bereich des Möglichen. In der Immunforschung wurden Wege gefunden, die natürlichen körpereigenen Abwehrkräfte so zu stärken und zu trainieren, dass sie die für sie bisher unangreifbaren Tumorzellen vernichten können. Die erfolgreiche Behandlung von bis dahin unheilbar Schwerstkranken hat dazu geführt, dass schon heute einige Immuntherapien breit eingesetzt werden. Die schnell fortschreitende Entwicklung gibt Krebskranken Hoffnung.
Dr. Mechthild Kässer ist Wissenschaftsjournalistin mit dem Spezialgebiet Molekularbiologie. Ihr Buch führt allgemeinverständlich in das umfangreiche Gebiet der Immuntherapien ein und beschreibt deren gegenwärtige und zu erwartende Einsatzmöglichkeiten.

Genre: Fachbuch

Sprache: deutsch

Erschienen: 2020

Format: 

DIN A5,
Softcover,
182 Seiten

ISBN: 978-3-938721-05-6

Preis: 19,80 €

Format: ePub3

ISBN: 978-3-938721-12-4

Preis: 16,99 €

Leseprobe

2 Körperabwehr und Krebs

Wie alle Lebewesen ist der Mensch ständig von eindringenden Schädlingen bedroht. Wir wären täglich dem Tod geweiht, hätten wir nicht ein Abwehr- oder Immunsystem, das uns vor unsern unsichtbaren Feinden schützt.

Die Bezeichnung Immunsystem macht deutlich, dass wir es mit einem komplizierteren Gebilde zu tun haben. Zu ihm gehören bestimmte Organe und Gewebe wie Knochenmark, Thymus und Lymphsystem, sowie weiße Blutkörperchen und lösliche Immun-Eiweiße.

Unsere Körperabwehr ist so eingerichtet, dass sie zwischen eigenem Gewebe und fremden Eindringlingen unterscheiden kann, und reagiert grundsätzlich auf alles Fremde. Außerdem muss es aber auch beurteilen können, ob etwas Fremdes schädlich oder harmlos ist. Blütenpollen aus der Luft etwa oder Nahrungsbestandteile im Darm sind zwar fremd, stellen aber keine Gefahr dar und sollten nicht attackiert werden. Geschieht dies doch, so hat es fatale Folgen, wie Menschen mit Allergien leidvoll erfahren.

Bei Fremdem zu unterscheiden, was eine Gefahr darstellt und was nicht, ist eine schwierige Aufgabe. Wie das Immunsystem sie löst, ist bislang nur teilweise aufgeklärt.

Bekannt ist, dass es über Abwehrstoffe und besondere Immunzellen verfügt, die wie Streifenpolizisten Tag und Nacht den gesamten Körper durchwandern. Sie tasten mit speziell geformten Molekülen auf ihrer Hülle wie mit Händen die Oberfläche aller Zellen nach körpertypischen Merkmalen ab. Treffen sie dabei auf Substanzen, die sie nicht als „eigen“ einstufen können, lösen sie im Körper eine Immunreaktion aus.

Die fremden Moleküle oder Teile von ihnen, auf die Immunzellen mit Abwehr reagieren, werden als Antigene bezeichnet. Der Begriff schafft leicht Verwirrung, er steht aber nicht für eine Art Gegenspieler von Genen, wie wir das von Materie und Antimaterie oder Teilchen und Antiteilchen kennen, vielmehr leitet er sich von der Tatsache ab, dass Antigene die Herstellung von Antikörpern generieren, dass sie also Abwehrmaßnahmen des Immunsystems veranlassen. Er hat sich durchgesetzt, obwohl es sonst nicht üblich ist, für zwei Verbindungen, die miteinander reagieren, Bezeichnungen zu wählen, die beide mit „Anti“ beginnen.

Antigene können Bestandteile von Bakterien, Viren, Pilzen oder Parasiten wie etwa die Erreger der Malaria sein. Auch ein Fremdkörper wie ein Stück Rosendorn oder ein Holzsplitter, der in der Haut stecken geblieben ist, ruft die Immunzellen auf den Plan. Sie umzingeln ihn und befördern ihn schließlich mitsamt dem entstandenen Eiter aus dem Körper hinaus.

Unser Körper bekämpft Bakterien, aber er duldet sie auch. Die Ansicht, dass Bakterien schädlich sind, ist verständlich, denn viele Krankheiten werden durch sie ausgelöst. Andererseits sind es auch diese Kleinstlebewesen, die uns vor krankmachenden Keimen schützen. Indem sie unsere Haut besiedeln, verhindern sie, dass sich neue, eventuell weniger harmlose Artgenossen dort auf Dauer niederlassen. Nicht nur dass sie nicht rücken und ihnen Platz machen, sie verteidigen ihr Gebiet auch mit der Absonderung chemischer Kampfstoffe, kleiner Eiweißmoleküle, die für viele Neuankömmlinge tödlich sind oder zumindest ihr Wachstum hemmen. Indem sie sich behaupten, schützen sie uns. Ebenso nützlich sind die Bakterien im Darm. Sie zerlegen für uns unverdauliche Nahrungsmittel in verwertbare Nährstoffe, die ihnen, aber auch uns zugute kommen. Sogar einige Vitamine, die unser Körper nicht herstellen kann, synthetisiert unsere „Darmflora“.

Mit wachsendem Wissen über Bakterien und andere Mikroorganismen hat sich auch das Bild, das man sich vom Menschen macht, geändert. Mikrobiologen sehen im Menschen heute weniger ein einzelnes Lebewesen, als vielmehr einen Lebensraum für eine Unzahl von Bakterien, Viren und Pilzen, die sich auf Haut, Schleimhäuten und im Darm tummeln. Man schätzt ihre Zahl auf hundert Billionen, das sind zehnmal mehr fremde als eigene Zellen.

Je nach Körperpartie siedeln einige Hundert bis zu einigen Millionen Bakterien pro Quadratzentimeter. Die Darmflora macht allein ein Kilogramm unseres Körpergewichts aus. Mit allen diesen Untermietern lebt der Mensch normalerweise in einem stabilen Gleichgewicht und zu gegenseitigem Nutzen.

Das Immunsystem hat daher nicht die Aufgabe, alle Bakterien zu töten, sondern sie auf Abstand zu halten. Erst wenn sie sich zu einer Gefahr entwickeln, geht es dagegen vor. Dringen Keime, die z. B üblicherweise harmlos auf der Haut siedeln, bis in die Gewebe oder die Blutbahnen vor, so greift das Abwehrsystem sie umgehend an, um Krankheiten oder eine lebensbedrohliche Blutvergiftung zu verhindern.

Ein fremder Eindringling ist für das Immunsystem ein klarer Fall. Wie aber steht es mit Krebszellen?

Die Entstehung von Krebs ist kein seltener Vorgang. Man schätzt, dass von den etwa 10 Billionen Zellen, aus denen der Mensch besteht, alle paar Sekunden eine Zelle entartet.

Ursache können innere und äußere Einflüsse sein. Wie in jedem komplizierten System treten in Zellen manchmal Fehler auf, die zu einer Veränderung im Erbgut führen. Die Wahrscheinlichkeit, dass es dazu kommt, ist größer, wenn ungünstige Umweltfaktoren wie Rauchen, Alkohol, Übergewicht, Entzündungsreaktionen, Umweltgifte oder hochenergetische Strahlung die Zellen zusätzlich belasten.

Auch kann im Erbgut mancher Menschen eine Veranlagung zu einer krankhaften Veränderung enthalten sein. Man schätzt, dass etwa 5-10 % aller Krebsfälle erblich bedingt sind.

Trifft die Veränderung ein Gen, das wesentlich für das Verhalten der Zelle ist, so kann diese entarten und fortan versuchen, ein eigenständiges Dasein zu führen.

Wie diese Mutationen im Einzelnen entstehen, ist noch nicht vollständig aufgeklärt.

Klar ist, dass Krebszellen aus eigenen Zellen entstanden sind und weitgehend die für den Körper typischen äußeren Kennzeichen tragen. Mit ihnen können sie sich gegenüber der Streifenpolizei des Immunsystems ausweisen und schaffen es deshalb, unbehelligt zu bleiben.

Bei genauerem Hinsehen jedoch fallen krankhafte Merkmale auf. Denn Mutationen im Erbgut zeigen sich auch in einer Abwandlung von Molekülen auf ihrer Außenhülle. Üblicherweise bemerkt das Abwehrsystem diese „falschen“ Moleküle. Es ist also grundsätzlich in der Lage, Krebszellen an ihren fremden, nicht zum eigenen Körper gehörenden Merkmalen zu erkennen.

Diese Abweichungen veranlassen das Immunsystem, solche Zellen abzutöten. Das erklärt, warum wir nicht an jeder entarteten Zelle erkranken. Tag für Tag werden in einem Menschen viele tausend mutierte Zellen erkannt und eliminiert.

Doch nichts im Leben ist perfekt. Irgendwann bleibt eine entartete Zelle unbemerkt oder sie hat die Fähigkeit entwickelt, angreifende Immunzellen zu entwaffnen oder sich vor ihnen zu tarnen. Dann kann sie mehr oder weniger ungestört zu einem Tumor heranwachsen.

Es hat viele Jahrzehnte intensiver Forschung bedurft herauszufinden, wie die Immunabwehr im Einzelnen funktioniert und wie es dem Krebs gelingt, ihre Wirkung außer Kraft zu setzen. Inzwischen wurden wesentliche Erkenntnisse gewonnen. Sie eröffnen die Möglichkeit, das Abwehrsystem soweit aufzurüsten, dass es in der Lage ist, den Schutzwall des Krebses zu durchbrechen.

Erste klinische Tests solcher Therapien mit kleinen Patientengruppen zeigen schon heute in Einzelfällen erstaunliche Erfolge. Doch lange nicht bei allen Patienten wirkt die Behandlung oder tritt gar eine Heilung ein. Das bedeutet, dass man die zugrunde liegenden Mechanismen noch nicht vollständig verstanden hat und dass noch weitere Grundlagenforschung erforderlich ist.

Inzwischen beobachten die großen finanzstarken Pharmafirmen die Entwicklung nicht mehr nur aufmerksam, sondern engagieren sich auf diesem „Immunonkologie“ genannten Gebiet. Sie kaufen kleine Unternehmen, insbesondere Ausgründungen von Forschungseinrichtungen in aller Welt in der Erwartung auf, dass einige der Verfahren sich durchsetzen und in der Zukunft beträchtliche Umsatzvolumina erzeugen werden.

Abb. 2.2: Die Krankheit Krebs verdankt ihren Namen einer gewissen Ähnlichkeit mit einem Krebs-Tier
Abb. 2.2: Die Krankheit Krebs verdankt ihren Namen einer gewissen Ähnlichkeit mit einem Krebs-Tier

Der Name Krebs geht auf den Griechen Hippokrates (460-370 v. Chr.) zurück.

Der als „Vater der Medizin“ berühmte Arzt bezeichnete die Geschwüre als Karkinos, griech. Krebs. Grund ist das Aussehen des Geschwürs, besonders das eines bösartigen Brusttumors. Im späten Stadium erscheinen dort wulstartige Verdickungen, die Beinen und Fangarmen eines Krebses ähneln. Auch die Härte des Gewebes im Vergleich zu seiner Umgebung passt in das Bild des panzerbewehrten Gliederfüßers.

Die Erkrankung ist also nicht ein Leiden der heutigen Zivilisation. Jahrtausende von Jahren begleitet sie die Menschheit. Auf ägyptischen Hieroglyphen ist sie dargestellt. Selbst bei uralten Knochen eines frühen Vorfahrens des Homo sapiens, die Paläontologen vor wenigen Jahren in Afrika ausgegraben haben, zeigen sich typische Spuren von Krebs.

Er befällt aber nicht nur Menschen und Säuger, auch bei urzeitlichen Schildkröten wurde er nachgewiesen, also bei Lebensformen, die entwicklungsgeschichtlich sehr viel früher entstanden sind.

Krebs scheint zum Leben höherer Organismen dazu zu gehören.

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5.2 Die adoptive T-Zell-Therapie

Eine der ersten erfolgreichen Immuntherapien war die adoptive T-Zell-Therapie. Noch als viele Forscher grundsätzlich Zweifel daran hegten, ob T-Zellen tatsächlich Krebs zur Strecke bringen können, bewiesen andere mit dieser Methode, dass sie zumindest unter geeigneten Bedingungen dazu in der Lage sind.

Bei der in Abbildung 5.2 dargestellten adoptiven T-Zell-Therapie entnehmen Ärzte dem Patienten Krebsgewebe und lösen die dort eingewanderten T-Zellen heraus. Es sind Zellen, deren Angriff zum Stillstand gekommen ist. wenn sie auch den Tumor nicht erfolgreich bekämpft haben, so ist doch davon auszugehen, dass sie zumindest die entarteten Zellen als krank erkannt haben, also die richtigen Rezeptoren besitzen, um genau gegen diesen Tumor vorzugehen.

Abb. 5.2: Adoptive T-Zell-Therapie
Abb. 5.2: Adoptive T-Zell-Therapie

Bei Blutkrebs befinden sich die gegen den Krebs aktiven T-Zellen im Blut und lassen sich daraus gewinnen.

Im Allgemeinen sind es mehrere verschiedene Rezeptoren, die angesprochen haben, denn Krebszellen bringen meist mehr als eine Sorte Antigene hervor.

Die herausgelösten T-Zellen sind das Material, aus dem man die heilenden Zellen für die Immuntherapie herstellt.

Sie werden in Nährlösung eingebracht und vermehrt. Ohne dem Einfluss des Tumors ausgesetzt zu sein, der ihre Kampfkraft geschwächt hat, erholen sie sich im Allgemeinen recht schnell.

Aus diesen Zellen werden in einem Test diejenigen ausgelesen, die sich gegen den persönlichen Krebs am aggressivsten verhalten, und mithilfe von Wachstum-anregenden Botenstoffen wie Interleukin-2 auf etwa 10 Milliarden Zellen vermehrt.

Nach rund sechs Wochen sind sie so weit, dass sie dem Patienten ins Blut zurückgegeben werden können. Er „adoptiert“ seine eigenen lebenden T-Zellen.

Durch die große Zahl der Angreifer hofft man, die Abwehr des Krebses überrennen zu können.

Erfolge der adoptiven Immuntherapie

1988 wurden erste Studien an Menschen mit schwarzem Hautkrebs, der schon gestreut hatte, durchgeführt. Diese Patienten waren von der Medizin aufgegeben worden. Alle Behandlungsmöglichkeiten waren ausgeschöpft.

Jeder dritte der todgeweihten 86 Patienten sprach auf die Therapie an; fünf von ihnen wurden gesund, der Rest des Drittels überlebte im Schnitt vier Monate.

Als Grund für das Versagen bei der Mehrzahl der Kranken fanden die Forscher, dass die adoptierten Zellen bereits nach einer Woche kaum noch nachweisbar waren.

Was war mit ihnen geschehen?

Schon die Laborbedingungen – das weiß man inzwischen – entscheiden über die Überlebenschancen der kultivierten Zellen im Patienten.

Die Wissenschaftler beobachteten, dass sich die Zellen bei ihrer über Wochen hinziehenden Vorbereitung nicht nur vermehren, sie entwickeln sich auch in verschiedene Richtungen weiter und verlieren dabei zum Teil ihre wertvollen Eigenschaften, wie etwa ihre beeindruckende Teilungsfähigkeit.

Dazu kommt, dass die aufbereiteten T-Zellen, zurück im Körper, in der Nähe des Krebsgewebes wieder auf eine Umwelt treffen, die ihre Angriffskraft lähmt und sie erschöpft aufgeben lässt.

Als Gegenmaßnahme setzte man in einer anderen klinischen Studie Medikamente und Bestrahlung ein, um die Immunzellen abzutöten, die der schwarze Hautkrebs zu seiner Verteidigung umgepolt hatte und die ihn schützten. Erst dann übertrug man die vorbereiteten T-Zellen.

Die Ansprechrate sprang auf über 72% hoch, auch die Überlebenszeit der heilenden Zellen im Körper stieg an.

Von den 25 Patienten, die nach verschiedenen Optimierungsschritten des Verfahrens behandelt wurden, haben fast die Hälfte nach Ende der dreijährigen Beobachtungsphase noch gelebt. Man konnte sehen, dass auch Jahre nach der eigentlichen Behandlung die Tumore weiter schrumpften.

Keine andere Behandlung für Patienten mit schwarzem Hautkrebs im Endstadium hatte je bessere Ergebnisse verzeichnen können.

In einer anderen klinischen Studie wurden neun Frauen mit Gebärmutterhalskrebs, der schon Metastasen gebildet hatte, behandelt. Zwei von ihnen wurden geheilt. Sechs Frauen reagierten jedoch nicht auf die Behandlung. Eine erfuhr eine kurzzeitige Verbesserung ihres Zustands

Auch andere Studien erbrachten den Beweis, dass die adoptive T-Zelltherapie die Rückbildung bestehender Tumore - von Brustkrebs, schwarzem Hautkrebs, Lymphomen bis zu bestimmten Arten von Leukämie und Prostatakrebs - bewirken kann. Es gilt als erwiesen, dass sie grundsätzlich funktioniert.

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Ergebnisse der Therapie

Die gentechnische T-Zell-Aufrüstung wurde mit beeindruckenden Erfolgen bei Leukämie belohnt.

Leukämie oder Blutkrebs ist eine bösartige Erkrankung, bei der eine frühe Vorstufe der weißen Blutzellen entartet und sich unkontrolliert vermehrt. Auch Immunzellen sind vor Krebs nicht gefeit. Die aus ihnen entstandenen funktionsuntüchtigen Blutzellen drängen den Anteil der gesunden zurück, so dass es zu wenig rote Blutkörperchen, Blutplättchen und reife weiße Blutzellen gibt.

Der Mangel an roten Blutkörperchen und Blutplättchen führt zu schneller Erschöpfung und zu allgemeiner Blutungsneigung. Durch die verminderte Zahl weißer Immunzellen sind die Abwehrkräfte deutlich geschwächt. Auch können Milz, Lymphknoten und Leber direkt geschädigt werden.

Akute Leukämie führt unbehandelt innerhalb kürzester Zeit zum Tod, chronische Leukämie beginnt schleichend und verläuft meist über mehrere Jahre.

Erste klinische Versuche an Patienten mit B-Zell-Leukämie, bei denen sich unreife B-Zellen ungehemmt vermehren, lieferten hervorragende Ergebnisse. Darunter waren auch Fälle vollständiger Heilung von weit fortgeschrittenem Blutkrebs. Diese Kranken im Endstadium waren aufgegeben worden, weil keine andere Therapie mehr anschlug.

In einer klinischen Studie der University of Pennsylvania konnten 89 % der Kinder und Erwachsenen, die an einer sehr aggressiven Form von Blutkrebs, der Akuten Lymphatischen Leukämie (ALL) litten, durch CAR-T-Zellen innerhalb von wenigen Monaten geheilt werden. Oft reichte schon eine einmalige Gabe des versuchsweise eingesetzten Medikaments. Es ist auf ein Merkmal namens CD19 abgerichtet, das auf den allermeisten B-Zellen zu finden ist, und kann über Jahre wirksam bleiben.

Zum Gesicht dieses als medizinischen Durchbruch gefeierten Erfolgs wurde die kleine Emily Whitehead. Ihr Blutkrebs ließ sich durch die Standardbehandlungen Chemo- und Stammzelltherapie nicht besiegen. Beide Male kam der Krebs zurück und ihre Ärzte mussten sie schließlich aufgeben. Sie hatten alle Möglichkeiten ausgeschöpft.

Doch dann wurde die schwerkranke Sechsjährige 2012 in eine klinische Studie aufgenommen, bei der sie in Philadelphia eine „experimentelle Gen-Therapie“ gegen ihre Akute Lymphatische Leukämie erhielt.

Die bis heute gefürchteten Nebenwirkungen der Behandlung brachten die Kleine fast um. In der kritischsten Nacht gaben ihr die Ärzte eine Überlebenschance von 1:1000. Mit hohem Fieber lag sie wochenlang im Koma. Dann hatten die genetisch veränderten CAR-T-Zellen den Blutkrebs besiegt. An ihrem siebten Geburtstag erwachte Emily aus dem Koma und soll seither krebsfrei sein.

Die amerikanische Aufsichtsbehörde für Lebens- und Arzneimittel FDA (Food and Drug Administration) gab dem Antrag ihres Vater statt und entschloss sich überraschenderweise schon 2017, zwei CAR-T-Zelltherapien für bestimmte Arten von Blutkrebs die Zulassung zu erteilen: für Tisagenlecleucel (Handelsname Kymriah® von Novartis) und für Axicabtagen Ciloleucel (Handelsname Yescarta®), das das kalifornische Unternehmen KitePharma entwickelt hatte. Beide Medikamente greifen CD19-Merkmale auf den B-Zellen an.

Die Europäische Union ist dem Beispiel der FDA gefolgt. 2018 erteilte die zuständige Behörde EMA die Zulassung für Kymriah® und Yescarta® für bestimmte Blutkrebsarten: Kymriah® zur Behandlung von sogenannter „akuter refraktärer lymphoblastischer B-Zell-Leukämie“ (B-Zell-ALL) bei Kindern und jungen Erwachsenen bis 25 Jahren, Kymriah® und Yescarta® für Erwachsene mit „diffusem großzelligem B-Zell-Lymphom“ (DLBCL) und Yescarta® für Patienten mit einem „primären mediastinalen großzelligen B-Zell-Lymphom“ (PMBCL).

Abb. 6.7: CAR-T-Zelle greift Blutkrebszelle über CD19 an
Abb. 6.7: CAR-T-Zelle greift Blutkrebszelle über CD19 an

Voraussetzung für eine Behandlung ist, dass mindestens zwei vorangegangene Therapien fehlgeschlagen sind. Zurzeit erhält in Deutschland die neue Behandlung nur, wer an einer klinischen Studie an den wenigen Forschungszentren teilnimmt.

„Bei etwa 40 Prozent der Patienten, bei denen zuvor alle konventionellen Therapien versagten, verschwindet der Krebs langfristig. Das ist einer der größten Fortschritte der Krebsmedizin seit langem“, wird Dr. Martin Wermke, Leiter der Early Clinical Trial Unit am Nationalen Zentrum für Tumorerkrankungen in Dresden 2019 zitiert.

Die großen kurzfristigen Erfolge bei der Behandlung der Leukämie verdecken etwas die langfristigen Probleme. Beseitigt werden entartete Zellen mit dem Kennzeichen CD19. Häufig zeigen einige wenige entartete B-Zellen dieses Kennzeichen aber nicht, entgehen so den CAR-T-Zellen und beginnen sich zu vermehren. Der Krebs kommt zurück.

In solchen Fällen können CAR-T-Zellen, die auf andere Merkmale von B-Zellen ansprechen, helfen.

CAR-T-Zellen bei Lymphomen

Nicht nur die B-Zellen im Blut haben das Merkmal CD19, sondern auch die B-Zellen, die im Lymphsystem Kolonien bilden. Entarten die Koloniezellen, so entstehen solide Tumore, die B-Zell-Lymphome.

Auch gegen diese lassen sich Kymriah® und Yescarta® einsetzen. Wichtig dabei ist die Chemotherapie, durch die der schützende Wall aus weißen Blutkörperchen um das Geschwulst beseitigt wird.

Es gibt neben überzeugenden Heilungserfolgen auch das völlige Versagen der Therapie.


Rezensionen

Die langjährigen Leser der CLB kennen auch Mechthild Kässer seit vielen Jahren als exzellente Autorin und können es in dieser Ausgabe wiederum prüfen. Während ihr aktueller Artikel hier alleine auf Checkpoint-Inhibitoren eingeht, stellt die Autorin in dem Buch das gesamte Spektrum neuer Immuntherapien zur Heilung von Krebs vor. Es ist spürbar, dass ihr eine Herzensangelegenheit war, dieses Buch zu schreiben. Im Vorwort lässt sie durchblicken, dass oftmals in ihrem Bekanntenkreis die Diagnose Krebs ihr Angst und Schrecken eingejagt hat – zurecht: Meistens war ein schneller Todeskampf die Folge, oder es blieben Behinderungen durch aggressive chirurgische, physikalische oder chemische Therapien.
Erst in den letzten Jahren hörte man von revolutionären Heilerfolgen; Patienten mit Krebs im Endstadium wurden wieder gesund: Man versetzte das körpereigene Immunsystem in die Lage, die Krankheit zu erkennen und zu beseitigen. Allerdings: Methoden, die bei einem Patienten quasi wundersam wirkten, versagten bei dem anderen völlig, und niemand weiß, warum – bislang.
In 10 Kapiteln zeigt die promovierte Lebensmittelchemikerin und auf Molekularbiologie spezialisierte Wissenschaftsjournalistin auf, wieso das so ist, und warum das nicht immer so bleiben muss.
Zunächst führt Mechthild Kässer in die Grundlagen der Zellbiologie ein. Insbesondere beschreibt sie, dass eine Vielzahl von Oberflächenstrukturen auf Zellen vorhanden sind. Gerade diese sind für das Immunsystem, den Diskriminator zwischen körpereigenen und fremden Zellen, entscheidend. Wie auf einem Buchumschlag steht hier die Zugehörigkeit zum Körper geschrieben – oder auch nicht. Das Problem: Manche Krebszellen schaffen „Fake News“, lassen die Zellen fast so aussehen wie körpereigene. Es sind dann sehr feine Unterscheidungswerkzeuge gefragt, um solche Krebszellen zu erkennen.
Genau dies hat man in jüngster Zeit geschafft. Man macht das Immunsystem fit dafür, schafft neue oder veränderte Rezeptoren, also Wahrnehmer für Zelloberflächen-Strukturen, CAR-T-Zellen zum Beispiel, blockiert bestimmte Rezeptoren, um körpereigene Überreaktionen zu unterdrücken, schafft neue Antikörper, versucht sogar, Impfungen gegen Krebs zu entwickeln.
Bei vorhandenen Erfolgen mit solchen Mitteln gibt es aber auch noch Fehlschläge, die sogar die deutliche Mehrzahl der Behandlungen darstellen. Dies liegt in der angesprochenen Vielfalt der miteinander reagierenden Zellen und entsprechend notwendigen Zellabwehrstrukturen begründet. Man ist dabei, dies zu erforschen. Hier ergibt sich aber auch ein gesellschaftliches Problem: Alles kostet, und eine personalisierte Krebstherapie kann sechsstellige Euro-Summen erreichen. Wer soll das bezahlen?
Die Autorin resümiert daher auch: „Die Besiegung von Krebs ist nicht nur ein medizinisches Problem, es ist eine gesellschaftliche Herausforderung. Schon heute dient jeder neunte Euro, der in Deutschland ausgegeben wird, der medizinischen Versorgung. ... Da zu erwarten ist, dass die individuelle Medizin auch auf Dauer sehr viel aufwändiger ist als die herkömmlichen Pillen, wird die Medizin mit ihren heutigen Strukturen unbezahlbar.“
Sollte man eine geeignete Preisstruktur zur Behandlung finden, ist die Autorin allerdings langfristig optimistisch hinsichtlich einer Krebsheilung: „Durch intensive Forschung werden die Probleme Schritt für Schritt beseitigt werden. Nicht, wie Optimisten sagen, in zehn Jahren. Bis dahin wird es hoffentlich bessere lebensverlängernde Maßnahmen geben. Kinder, die heute geboren werden, haben die Chance, von manchen Krebsarten geheilt zu werden. Erst für deren Kinder sollte Krebs seinen Schrecken verloren haben.“
Wer diese Argumentation der Autorin nachvollziehen und die Strategien von Immuntherapien gegen Krebs verstehen will, dem sei dieses Buch wärmstens ans Herz gelegt. Der Stil ist nicht reißerisch, sondern sachlich, zeigt Ansätze für begründete Hoffnungen auf, weist auf die Risiken hin. „Krebs wird heilbar“ vermittelt positiv herausragend verständlich und deutlich komplizierte Molekularmedizin.

Rolf Kickuth, CLB 71. Jahrgang, Heft 01 - 02/2020