100 Jahre Erinnerungen

Ein Leben in Zeiten des Umbruchs

Anneliese Lehrieder

Eine fast hundertjährige Frau blickt zurück auf ihr Leben.
Ob kaisertreu, kommunistisch, nationalsozialistisch oder bürgerlich, in ihrer nicht nur räumlich weit verstreuten Familie fanden sich Vertreter aller politischen Strömungen. Sie waren im Konzentrationslager, auf dem Reichsparteitag oder hatten Angst, als Juden verfolgt zu werden.
Mit wachen Sinnen erzählt die Autorin von ihrer Kindheit in einem schwäbischen Dorf und den dramatischen Umbrüchen in allen Bereichen, die sie erlebte.
Ein Buch voller Episoden, die ein Licht auf den jeweiligen Zeitgeist werfen.

Genre: Biographie

Sprache: deutsch

Erschienen: 2018

Format: 

DIN A5,
Softcover,
225 Seiten,
Großdruck

ISBN: 978-3-938721-07-9

Preis: 19,80 €

Format: ePub3

ISBN: 978-3-938721-13-1

Preis: 15,99 €

Leseprobe

Prolog

Ein Stein. Grün von Moos und kleinen Farnen. Wasser tropft und fließt in kleinen Rinnsalen daran herunter.

Mehr gibt es nicht, keinen Raum, keine Zeit, nur diesen Stein, der in ein goldenes Licht getaucht ist.

Ein Tropfen muss etwas getroffen haben. Ganz langsam wächst etwas. Es gibt nicht nur den Stein, es gibt mich. Zwar spüre ich nichts, aber ich fange an zu denken.

Das Bild einer Schüssel schiebt sich vor den Stein. Sie ist hübsch, mit dickem Wulst am Rand, daran schließen sich farbige Ringe an. Rot, grün, gelb. Der Rest ist in diesen Farben gesprenkelt. Sie ist riesig, sie ist schwer. Ich trage sie, aber sie ist nicht groß, ich bin klein.

Wir ziehen um und ich habe so lange gequengelt, bis ich sie tragen darf. Ganz vorsichtig, mit kleinen Schritten. Mama hat gesagt, die Schüssel darf nicht kaputt gehen. Geschafft. Mama streichelt mir übers Haar. Das ist schön. Ich habe ihr gezeigt, dass ich viel mehr kann als ihr Liebling, mein kleiner Bruder....

Alle Frauen in meiner Familie hatten ihren eigenen Kopf. Meine Oma mütterlicherseits durfte ihren geliebten Mann nicht heiraten. Die reiche Bauernfamilie wollte keinen Handwerker in der Familie. Sie bekam ein erstes Kind. Die Familie ließ sich nicht erweichen. Es gab keine Hochzeit. Sie bekam ein zweites Kind, da gaben sie nach.

Die Mutter meines Vaters hat ihr Leben lang nicht gesagt, wer der Vater ihres Sohns war, und hat alle Nachteile, die für sie und ihren Sohn daraus erwachsen sind, in Kauf genommen.

Und ich. Die Liebe zu meinem Paul kümmerte sich auch nicht um Konventionen. Gudrun kam viel zu früh auf die Welt. Aber ich bereue keinen Augenblick. Jeder Moment unseres Zusammenseins macht mich glücklich. Es waren ja so wenige.

Nur Gudrun habe ich nicht erlaubt, ihren eigenen Weg zu gehen. Alle wollten als Aupairmädchen nach England. Auch ihre Tanten schwärmten von ihrem Aufenthalt. Aber ein anderes Mädchen, eine Schulkameradin von Gudrun, kam mit zwei farbigen Kindern aus England zurück. Das ganze Dorf entrüstete sich, sie konnte nicht bleiben. Im Südafrika der Apartheid, wohin sie mit ihrem Mann zog, saß sie zwischen allen Stühlen.

Davor wollte ich Gudrun schützen. Aber sie wollte nicht geschützt sein, sie wollte ihr eigenes Leben führen. Bis heute trägt sie mir das Verbot nach. Vielleicht hätte ich ihr vertrauen und sie gehen lassen sollen.

Die Realität macht sich bemerkbar. Ich habe so etwas wie Augen. Undeutlich nehmen sie weiße Schatten wahr, die sich um mich bewegen. Irgendetwas murmeln sie. Mein bisschen Bewusstsein schwindet wieder.

...


Meine Jugend

...

Der Wirtschaftsaufschwung war von kurzer Dauer. Der Versuch der Regierung, durch Sparen die Wirtschaftskrise zu überwinden, hatte verheerende Folgen. „Uf am Brüning seiner Glatz hat no a Nodverordnung Platz“, sangen wir, ohne zu verstehen, worum es dabei ging.

Die Handwerker im Dorf hatten keine Arbeit mehr, da ihren Kunden das Geld ausging. Auch das Gehalt der Staatsbediensteten wurde ständig gekürzt, aber sie bekamen wenigstens noch etwas. Mutter teilte an jedem Monatsanfang das Gehalt in verschiedene Häufchen auf. Jedes für einen Handwerker, der am Haus gebaut hatte. Die meinten oft, das wäre für diesen Monat ihre einzige Einnahme gewesen.

Für unseren Lebensunterhalt musste der Zuschuss, den Mutter für die Pflege von Fräulein Heidenheimer bekam, reichen. Selma, so nannten wir sie im Familienkreis, war in Winnental in Pflege gewesen. Für psychisch Kranke, die keine Gefahr für die Öffentlichkeit darstellten, gab es jedoch die Möglichkeit, dass sie bei ehemaligen Pflegerinnen in Privatpflege kamen. Mutter bekam dafür 80 Mark im Monat.

Die Geschwister von Fräulein Heidenheimer betrieben eine Handelsvertretung für Nähbedarf, waren wohlhabend und konnten sich die erforderliche Zahlung leisten.

Selma bewohnte das neu gebaute Dachzimmer und wurde von Mutter versorgt und in pflegerischer Hinsicht betreut. Es gab überhaupt keinen Grund, dass sie in der Anstalt festgehalten worden war. Sie war etwas seltsam und nicht lebenstüchtig, aber mit ihren Marotten durchaus liebenswert.

Mit uns am Tisch zu essen, lehnte sie ab. Mutter stellte ihr die Mahlzeiten immer bereit und sie holte sie sich aufs Zimmer.

In der Anstalt hatte sie sich die Zeit mit Häkeln vertrieben. Das gab sie bei uns aber bald auf. Ihre ganze Aufmerksamkeit galt fortan den Pflanzen und Tieren in der Umgebung. Aus Büchern über Heilpflanzen lernte sie diese kennen, sammelte sie auf ihren Spaziergängen und trocknete sie unter dem Dach.

Sie war sehr stolz auf ihre Kräuter. Manchmal kam sie mit einem zweifelhaften Pflänzchen zu Vater, von dem man annahm, dass er alles wusste, zeigte ihm die Abbildung in einem Buch und fragte, ob das, was sie gesammelt hatte, mit der abgebildeten Pflanze übereinstimmte.

Vater machte sich einen Spaß mit ihr und riet: „Fräulein Heidenheimer, essen sie es. Wenn Sie überleben, ist es nicht giftig.“ Sie nahm ihm die Antwort nicht krumm und lachte, denn sie kannte seinen Humor.

Besonders liebte Selma es, Tiere zu füttern. Dazu sammelte sie Schuhcreme-Döschen, füllte sie mit kleinen Portionen von ihrem Essen, packte sie in ihren Korb und ging dann damit aus. Jedem Tier – meistens waren es Hühner – stellte sie dann ein Döschen hin und freute sich, wenn es daraus fraß.

In ihrem Zimmer gab es einen Verschlag, dessen Rückwand zum alten Teil des Hauses führte. Dort bohrte sie ein kleines Loch und fütterte sehr zum Missfallen von Mutter die Mäuse.

Als sie einmal dem Hund in der etwas außerhalb des Dorfs liegenden Mühle Futter bringen wollte, fiel dieser über sie her. Sie sagte uns nichts. Mutter stellte die heftigen Verletzungen nur fest, weil sie – was regelmäßig geschah – nachschaute, ob alles bei ihr in Ordnung war. Selma ließ sich von ihren Kräutern Tee machen und behandelte ihre Wunden damit. Die heilten problemlos ab.

Ihre Kräuter fanden auch sonst großen Anklang. Der Mann von Tante Lina in Amerika hatte gesundheitliche Probleme. Als Rickele einmal bei uns zu Besuch war, bekam Selma dies aus den Gesprächen mit. Sie war so überzeugt von ihren Kräutern, dass sie Rickele geradezu bedrängte, für Lina davon welche mitzunehmen. Als deren Mann dann meinte, die Kräuter würden ihm tatsächlich helfen, bat Lina meine Mutter, ihr noch mehr zu schicken. Das war aber gar nicht so einfach, denn Selma hütete ihren Schatz eifersüchtig. Es brauchte viel Überredungskunst, bis sie welche herausgab.

Etwa 1937 oder 1938 wurde der Pflegevertrag gekündigt. Zu unserem großen Bedauern musste Selma, die für uns zum Teil der Familie geworden war, zurück in die Winnender Heilanstalt.

Vater war mit Hingabe Pfleger. Er mochte die Patienten und war bei ihnen äußerst beliebt. Zu Anfang des Kriegs, als er noch in Winnental arbeitete, traten dann Ereignisse ein, die ihn zu tiefst erschütterten. Obwohl es streng verboten war, musste er mit Mutter darüber reden: Immer wieder kamen Busse, deren Scheiben mit Kalkmilch undurchsichtig gemacht worden waren, in die Anstalt und holten Patienten ab. Es ging das Gerücht, dass sie umgebracht würden. Irgendwann später muss auch Fräulein Heidenheimer darunter gewesen sein.


...


Die großen politischen Auseinandersetzungen gingen weitgehend an uns vorbei. Vom Röhm-Putsch hätten wir im Radio und der Winnender Zeitung auch nur die offizielle Version erfahren, wenn uns Karl Schnabel nicht aufgeklärt hätte.

Er erzählte, dass während der entscheidenden Stunden auf den Hängen rings um Stuttgart Maschinengewehre in Stellung gebracht worden waren, um, falls erforderlich, den Widerstand der SA zu brechen.

Der Reichsparteitag in Nürnberg zog auch Mutter an. Ihr Antrag, teilnehmen zu dürfen, wurde positiv entschieden. Vor Ort freundete sie sich mit einer sehr aktiven jungen Frau an. Die schaffte es, für sich und Mutter zu verschiedenen Veranstaltungen eingelassen zu werden. Allein hätte Mutter sich bei dem großen Andrang wahrscheinlich nicht durchsetzen können.

Die ganze Atmosphäre des Treffens zog auch Mutter unwiderstehlich in ihren Bann. Einmal, als ein Saal wegen Überfüllung geschlossen war, kletterten ihre Bekannte und sie außen am Haus hoch und schauten durch ein kleines Fenster dem Geschehen zu.

Mutter war damals schon weit über vierzig Jahre alt, nach damaliger Sicht eine gesetzte Frau. Dass sie sich dazu hinreißen ließ, weist deutlich auf einen ungewöhnlichen Gemütszustand hin. Zu Hause wäre sie nie auf eine solche Idee gekommen.

Ein anderes Mal hatten sie wohl irgendwelche Absperrungen nicht beachtet und standen allein in einer menschenleeren Straße mitten in der sonst von Menschenmassen angefüllten Stadt. Plötzlich fuhr eine Wagenkolonne vor. Mutter erschrak heftig, als Hitler persönlich aus einem der Autos stieg. Vor lauter Schreck blieb sie stocksteif stehen, konnte nicht die Hand heben und nicht einmal das übliche „Heil!“ rufen. Hitler nahm natürlich keine Notiz von ihr.

In Mutters Erzählung überstrahlte die Begegnung alle anderen Erinnerungen. Sie erzählte immer davon, wie Hitler plötzlich vor ihr stand, nicht woher er kam und wohin er ging. Dass sie unter den vielen Menschen Hitler so nah gekommen war, hielt sie fast für eine Auszeichnung des Schicksals.

Aunt Freda, wie Rickele sich mir gegenüber nannte, besuchte uns. Es war eine lange Reise für sie. Mit der Bahn quer durch Amerika, mit dem Schiff über den Atlantik, schließlich wieder mit der Bahn bis nach Winnenden, wo Vater sie und ihr Gepäck mit dem Handwagen abholte.

Mit Rickele kam Eleganz ins Dorf. Sie war immer tipptopp angezogen und duftete vornehm. Mutter hatte zur Feier des Besuchs einen Hefekranz gebacken, ein goldbraun glänzendes, geflochtenes Gebäck aus einem süßen Hefeteig mit Eiern und Fett. Normalerweise gab es den nur an Festtagen.

Zum Essen wird der Kranz in Scheiben geschnitten. Wir aßen ihn pur oder, was noch viel besser schmeckte, indem wir die Scheibe in den Kaffee oder wir Kinder in den Kakao tunkten. Rickele angelte sich ganz selbstverständlich die Butter, mit der wir sehr sparsam umgingen, und schmierte sie auf ihre Scheibe. Dann strich sie auch noch Marmelade darauf und aß das Ganze mit Genuss.

Ich machte große Augen. Hefezopf so zu essen, schien mir der Gipfel des Luxus. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es auch für mich einmal selbstverständlich werden würde.

Im Gespräch betonte Rickele, ihr könne nichts passieren, da sie unter dem Schutz der englischen Krone stehe. Wir lachten und fragten, was ihr denn passieren sollte. Sie erklärte es nicht, aber sie beharrte auf ihrer Aussage.

Erst viel später kam mir der Gedanke, was sie damit vielleicht gemeint hat. Seit ihrer Heirat hieß sie Epstein, ein Name der darauf hindeuten könnte, dass ihr Mann jüdischen Glaubens war. Die englische oder kanadische Presse wies wohl schon sehr früh auf die Benachteiligung und Verfolgung dieser Bevölkerungsgruppe in Deutschland hin und hatte in Rickele Befürchtungen geweckt.

...